leben am ufer
(fragments of a soul
migration _ pt.II)
Ein
Projekt zur Gestaltung von Osterkerzen
In Zusammenarbeit
mit Jürgen
Weber, März 2005

Christ is the population of the world,
and every object as well. There is no room
for hypocrisy. Why use bitter soup for healing
when sweet water is everywhere? Rumi
 Reißinsel
im März 2005
I
Profane
und unscheinbare Splitter aus Stein, Glas, Porzellan und rostigem Metall
bilden einen Körper mit ausgebreiteten Armen: Der gekreuzigte
Christus als ein Mosaik aus Bruchstücken. Diese Bruchstücke sind
Fundstücke vom Rheinufer. Sie liegen dort als eigen-artige Kreationen
des Flusses, verändert von seiner stetigen Wanderschaft, kaum wahrnehmbar
für uns. Für das menschliche Bewusstsein, das sich heute selbst
im Zustand der Zersplitterung in einem Kosmos der Information (Lydia Haustein)
befindet. Gerade hier, am Ufer, will etwas wahrgenommen und berührt
werden.
Der
Jesus vom Flussufer. Seine Fragmente haben etwas Fließendes
und bilden damit einen Kontrast zu etwas Starrem, Festgefügtem. Unsere
Lebenskonzepte beinhalten oft zuwenig an Durchlässigkeit und zuviel
an Starrheit. Es gibt für mich keinen radikaleren Aufschrei in dieser
Totenstille als das Osterfest. Das österliche Geschehen ist ein existentielles
Geschehen: Als Jünger Jesu werden wir verunsichert, unser eigenes
Dasein und das Dasein des Menschen an sich wird von Grund auf in Frage
gestellt. Zwei ganz menschliche Eigenschaften, die Jesus beliebt machten,
wurden für ihn gleichzeitig zum Verhängnis: Zorn und Zärtlichkeit.
Wieso brachte ihm ausgerechnet seine Menschlichkeit den Tod? Doch er, der
Menschensohn, lässt uns in jener Verunsicherung nicht einfach treiben – er
wäscht und verändert, führt uns selbst zur Auferstehung.
Das lebendige Wasser ist nicht bitter.
Aus
dieser Perspektive werden aus profanen Bruchstücken sakrale Fundstücke.
Zeichen des ständigen Werdens, Symbole eigener Sehnsucht und Wanderung.
 
 
II
Unsere
künstlerische Praxis baut auf einer Poesie des Auswanderers, des
Durchwanderers, der das Glück besitzt, zu überleben, auf. Sie zielt
dahin, die Vielschichtigkeit dieses Zustandes zu erkennen und zu respektieren,
wach zu sein für die Komplexität aller Dinge. (Mauricio Dias & Walter
Riedweg).
Dieses
Zitat steht paradigmatisch für ein von mir im letzten Jahr begonnenes
Projekt mit dem Titel fragments of a soul migration. Es dreht sich im weiten
Sinne um den Begriff Migration, Wanderung, und ist der Versuch diesem mit gesellschaftlichen
Konstruktionen und Zuschreibungen aufgeladenem Wort eine neue Qualität
zu geben. In der herkömmlichen Definition wird Migration als ein rein äußerlicher
und funktionaler Vorgang bestimmt, dem sich Gruppen von Menschen in einer Gesellschaft
zuordnen lassen. Der dieser Definition zugrundeliegende Kulturbegriff ist meiner
Meinung nach nicht mit der Heterogenität von Gesellschaft, der Komplexität
aller Dinge, vereinbar.
Wir
Menschen sind mehr als Vertreter von Gruppen und keine passiven Kulturträger.
Die aktive Aneignung von Kultur geschieht in den universellen Koordinaten unserer
Seele. Dabei spielen Begriffe wie Sehnsucht, Heimat und Fremde eine Rolle,
die zwar auch einen kulturellen, aber vor allem einen menschheitlichen Horizont
besitzen. Migration, Wanderung, wird so in dem Projekt zu einem inneren Vorgang
und einer anthropologischen Größe. Und zu einer Infragestellung
gesellschaftlicher Konstruktionen. Der Kunst als Unterwanderung von Kultur (Dias & Riedweg) ist diese Infragestellung immanent.
Ein
Kunstprojekt richtet einen sinnlich erfahrbaren Wahrnehmungsraum ein, der
gleichzeitig
der Verbindungsraum zwischen Individualität und Universalität
ist. Hier verbinden und verdichten sich Schönheit und Schmerz des Menschen
und schaffen eine eigene Wirklichkeit, die mit uns in Dialog tritt. Wenn
die Kunst einen Ethos besitzt, dann den, dass diese Wirklichkeit jedem Menschen,
unabhängig von Herkunft, Prägung und gesellschaftlicher Position
zugänglich sein muss. Im Wahrnehmungsraum der Kunst existieren Freiheit
und Gleichheit, die sonst überall gegeneinander ausgespielt werden,
nebeneinander. Es ist übrigens kein Zufall, dass in diesem Raum viele
Dinge religiöse
Vorstellungen evozieren. Schließlich haben Kunst und Religion gemeinsame
Wurzeln.


III
Im
September 2004 manifestierte sich der erste Teil des Projekts fragments
of a soul migration in Form einer Installation auf den Protestationsfeierlichkeiten
der evangelischen Landeskirche in Speyer. Dass der zweite Teil sich in Zusammenarbeit
mit Bruder Jürgen Weber von der Katholischen Hochschulgemeinde Mannheim
im März 2005 in den beiden Osterkerzen (Schlosskirche und Alfred-Delp-Haus)
realisiert, ist wiederum kein Zufall. Ökumene ist schon längst keine
Vision mehr, sondern gegenwärtige Tat-Sache und gemeinsame Wanderschaft.
Die
Gestaltung der beiden Osterkerzen geschah in einem relativ spontanen und
intuitiven
Prozess. Diese Vorgehensweise öffnet das kollektive Unbewusste
und die sich darin befindliche archetypische Figürlichkeit kommt zum Vorschein.
Sie verstärkt noch einmal die archaische Symbolik der Fundstücke.
Der innere und der äußere Ort der Bilder, Seele und Ufer, finden
ihren gemeinsamen Ort in einem liturgischen Gegenstand. Das ist ein adäquater
Ausdruck gegenwärtiger Existenz und der ewigen Sehnsucht des Menschen
nach der Einheit.
Inmitten
unserer Wanderung erscheint Jesus als ein weiterer Wanderer, der sich uns
nach und nach als der auferstandene Menschensohn zu erkennen gibt.
Menschliche Erkenntnis ist immer bruchstückhaft, doch sie wird wie in
der Geschichte der Emmausjünger zusammengehalten durch das Herz, unser
brennendes Herz. Es erkennt Christus in jedem Partikel des Universums, in jedem
Element. Im Wasser des Flusses und in dem, was es an die Ufer schwemmt.
Daniel Behrmann


Daniel
und ich haben gemeinsam, dass wir gerne mit natürlichen Fundstücken
arbeiten. Bei mir liegt der Schwerpunkt in Fundstücken aus Holz. Da
ich seit 9 Jahren auch die Osterkerzen der KHG alleine oder mit anderen gestaltet
habe, immer in der klassischen Technik mit Wachs und den Farben Rot und Gold,
bot sich diesmal die Gelegenheit, zumal ich selber schon in diese Richtung
gedacht hatte, einmal die Osterkerzen völlig anders zu gestalten. Daniel
bot mit seinen Fundstücken eine wichtige Basis. Und diese Fundstücke
haben ihren eigenen Charakter. Es sind alles Materialien, die mit dem Fluss
in Kontakt gekommen sind, dem Wasser, dem Symbol von Leben. Es sind Materialien,
an denen die Kraft des Wassers, des Lebens, Spuren hinterlassen hat. Die
Materialien sind für mich Erde, die mit dem Wasser des Lebens in Verbindung
gekommen ist. Wasser als religiöses Ursymbol, Wasser, dass den Weg zur
Freiheit eröffnet, Wasser, dass reinigt, Wasser, dass neues Leben
schenkt.
Für
mich war beim Entstehen der Kerze das sinnliche Moment wichtig. Die Steine
und Glasstücke wurden auf einer Herdplatte erhitzt, damit sie sich
mit dem Wachs der Kerze verbinden konnten, dabei mussten sie aber auch
von den
Händen gerade gehalten werden – eine heiße Angelegenheit.
Daneben wurde viel Kraft benötigt, denn die Materialien mussten teilweise
tief versenkt werden. Bei der Kerze, die ich gestaltet habe, einer Kerze,
die wir schon einmal als Osterkerze verwandt haben und nun in der Schlosskirche
stehen wird - wir brauchen zwei Kerzen, da wir zwei Gottesdienstorte haben
- ergab sich die Figur aus einem größerem Fundstück, dass
aus Eisen, umschlossen von zwei Tauen, gebildet ist. Dieses Stück
ist der Rumpf der Figur. Arme und Beine wurden aus den gleichen Steinfragmenten
gelegt. Die Wundmale sind aus grünem Glas. Dieses Glas zieht sich
als Ader durch die Extremitäten. Die Wunden sind etwas ganzheitliches
und daher verbunden mit dem Geflecht des Lebens. Grün als Farbe ergab
sich nicht nur allein aufgrund der Fundstücke, es wäre auch weiß,
braun, schwarz oder transparent möglich gewesen. Grün ist die
Farbe der Hoffnung, die Wunden sind Zeichen der geschehenen Erlösung,
dies aber auf Hoffnung hin, denn es ist nicht ein Haben von Erlösung,
und es ist noch nicht geklärt, ob ich diese Erlösung für
mich überhaupt
annehmen kann und will. Erlösung geschieht auf Hoffnung hin, Hoffnung
der Realisierung und Hoffnung der Annahme.
Die
Krone über dem Haupt verbindet beide Figuren und Kerzen. Sie war ursprünglich
ein ganzes Stück, dass mühsam in zwei Teile gesägt werden
musste. Sie ist beides - Dornenkrone und Heiligenschein. Auch die Erdfarbe
des Korpus war mir wichtig,nicht nur das Aufsteigen in die Höhe sollte
angedeutet werden, sondern auch die Erde als Lebensort - sein Lebensort und
meiner, sein Sterbeort und meiner. Dennoch, trotz aller Erdenschwere, hat
der Korpus auch seine eigene Leichtigkeit und sein eigenes Schweben. Das
Alpha und das Omega, sie sind bewusst farbig gestaltet, denn in ihnen soll
die gefundene Buntheit von Leben realisiert werden, sie sind unser Leben,
mit seinem Anfang und seinem Ende, sie sind unser Leben in dieser Zeit, ein
Leben, dessen Mitte ER ist.
Jürgen
Weber
(*
1959 in Olpe, seit 1996 Hochschulpfarrer in Mannheim)

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of a soul migration _ pt.I
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of a soul migration _ pt.III
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