meine
heimat kein heim hat
(fragments
of a soul migration _ pt.I)
Eine Installation
im Rahmen des Kirchentages "475 Jahre Protestation"
Jakobspilgerstatue
in Speyer,
4. + 5. September 2004
Mit freundlicher
Unterstützung der EFH Ludwigshafen
In
Deutschland gehört der Begriff "Migration" zur political correctness.
"Migration" bedeutet eigentlich Wanderung, aber so einfach lässt
sich der Begriff nicht rückübersetzen. Bei seiner Verwendung
in aktuellen Kontexten geht es vielmehr um eine Grenzziehung: die zwischen
Migranten und Nicht-Migranten. Die
gesellschaftliche
und politische
Realität
mitsamt ihrer Sprache basiert auf Distinktionen und Differenzen.
"Migrant" klingt vordergründig besser als Ausländer
und Asylant. Gemeint sind aber nach wie vor die Anderen, die Fremden. Die,
die ihre Heimat verlassen
haben. Die, über die Nicht-Migranten
urteilen und Macht ausüben dürfen. Im Unterschied zum fröhlichen
Wandersmann macht der Migrant in der Regel negative Erfahrungen, die sein
Dasein nachhaltig prägen: Verlust der Heimat, Kulturschock, Diskriminierungen...
Der Begriff "Migration" hat einen unangenehmen Beigeschmack und gefährdet
die seelische Gesundheit.
Wo
befinden sich eigentlich die, von den Begriffen "Heimat" und "Fremde"
bezeichneten, Orte? Im Sommer 2004 wurden in einer Veranstaltungsreihe
des Themenbereichs Ästhetische Praxis der Evangelischen Fachhochschule
Ludwigshafen diese Fragen aufgeworfen. Sie standen im Zusammenhang mit
einer Idee von Antje Reinhard,
Dozentin an der EFH, zu einem ästhetischen Projekt namens "Xenos", welches
auf dem Kirchentag "475
Jahre
Protestation" im September 2004
in Speyer präsentiert werden sollte. Mir war klar,
dass ein Kunstprojekt zum Thema "Migration" in Speyer nur einen Ort haben
konnte:
die Statue des Jakobspilgers unweit vom Kaiserdom. Von dort aus geht
seit alters her einer der Pilgerwege nach Santiago de Compostela.
Dieser
Ort schien mir prädestiniert dafür zu sein, die heutige gesellschaftliche
Konstruktion des Begriffes "Migration" und die populistische Oberflächlichkeit,
die sich damit verbindet, zu hinterfragen.
Aus
der anfänglich angedachten Performance wurde schließlich eine
Installation mit dem Titel meine heimat kein heim hat – und
der erste Teil meines Projekts fragments of a soul migration.
Es
ging mir von vornherein nicht darum,
noch ein Mehr an Wissen zu produzieren, sondern einen alternativen
Wahrnehmungsraum zu schaffen, in dem das Fragmentarische,
Nicht-Kategorisierbare und manchmal Paradoxe menschlicher Existenz sinnlich
erfahrbar wird. Die ästhetische Erfahrung trägt zwar
kulturelle Masken, ist aber in ihrem Kern archetypisch-universell. Analog
dazu steht hinter dem Projekt fragments
of a soul migration die Idee, den Begriff Migration zu ent-kulturalisieren.
Migration ist kein rein äußerlicher
Vorgang, der sich nur einer bestimmten Gruppe von
Menschen innerhalb einer Gesellschaft
zuordnen
lässt. Das Wort beschreibt vielmehr einen inneren, seelischen Zustand,
dem alle Menschen potentiell ausgesetzt sind. Migration ist in diesem
Sinne kein kulturelles
Phänomen, sondern eine anthropologische Größe.
 
 
Meine
heimat kein heim hat besteht aus verschiedenen
Teilen, die wie Organe den Körper - die Installation - bilden.
Das
Herzstück bilden die polaren Begriffe Sehnsucht -
Erfüllung, Fremde - Heimat, Verlorenheit - Geborgenheit, deren
emotionaler Gehalt allen Menschen geläufig ist. Die einzelnen Wörter
spiegeln die Nicht-Linearität menschlichen Erlebens
am ehesten wieder, wenn
sie nicht nur gegenübergestellt, sondern in einem Kreis
angeordnet werden. Jeder
der Begriffe ist wiederum mit einer - horizontal gespiegelten - Fotografie
kombiniert,
woraus sich ein neues Bild ergibt. Die auf weiße Tuchbahnen gedruckten
Bilder haben einen starken symbolischen und sakralen Charakter; sie
erinnern an die Altarbekleidung in einer Kirche (Paramente).






Ein
weiterer Teil beinhaltet die Etymologie der obigen Begriffe.
Auffallend ist zum einen die unterschiedliche Herkunft der Wörter,
zum anderen ihr Bedeutungswandel im Laufe der Zeiten.
Daraus lässt sich der universelle und kulturbildende Charakter der
menschlichen Sprache erkennen. Aber noch
etwas anderes zeigt diese Untersuchung: Das, was
die
Begriffe in uns hervorrufen,
kann die Etymologie nur sehr begrenzt wiedergeben.
>> Etymologie
Als
sprachliche Ergänzung zur Etymologie
stehen die englischen Übersetzungen des anatolischen Mystikers
Rumi, der seine Texte im 13. Jahrhundert in Persisch schrieb. Die Weltsprache
Englisch bezeichnet die Tatsache, dass Rumi sich nicht von einer bestimmten
Kultur oder Religion vereinnahmen lässt. Auch er war ein
Wanderer, ein Migrant auf allen Ebenen, und gleichzeitig ein Mensch,
der sich nicht vorschrieben ließ, auf welche Stühle er sich setzen
muss.
Damit sind Rumis Texte gleichzeitig ein poetisch-provokanter
Spiegel
für
die große
Gemeinschaft der türkischstämmigen MigrantInnen in Deutschland.
In der Türkei wird Rumi unter dem Namen Mevlana verehrt; die Stadt
Konya in Zentralanatolien, wo er die meiste Zeit seines Lebens gewirkt
hat und zu einem der größten islamischen Mystiker wurde,
ist heute ein Wallfahrtsort. Auf Rumi geht der Sufi-Orden der Tanzenden
Derwische zurück.
Sometimes I forget completely
what companionship is.
Unconscious and insane, I spill sad
energy everywhere. My story
gets told in various ways: a romance,
a dirty joke, a war, a vacancy.
Divide up my forgetfulness to any number,
it will go around.
These dark suggestions that I follow,
are they part of some plan?
Friends, be careful. Don’t come near me
out of curiosity, or sympathy.
Rumi
Im
letzten Teil der Verdichtung des Begriffes "Migration" präsentiere
ich den Fluss (Rhein) als ein Sinnbild der Wanderung und als
Schöpfer
einzigartiger Kunstwerke. Damit mache ich gleichzeitig auf einen
wichtigen Aspekt
künstlerischer Identität aufmerksam: Meine
schaffenden Hände sind selbst Schöpfung, demnach ist
auch meine Kreativität keine persönliche Charaktereigenschaft,
sondern Ausdruck einer transzendenten und transpersonalen Wirklichkeit,
die gestaltend in mein Leben, aber auch gestaltend in allen Dingen um
mich
herum in
Erscheinung
tritt.
Indem ich die Objekte vom Fluss als eigenständige Kunstwerke präsentiere,
möchte ich Demut zeigen. Die Objekte werden in der Installation auf
die bedruckten Tuchbahnen arrangiert und damit zu Altargegenständen:
archaische Symbole des Flusses, des Werdens und Vergehens, der Wanderung.
Fragmente der Verlorenheit, der Fremde, der Sehnsucht, der Erfüllung,
der Heimat, der Geborgenheit.






>>
fragments
of a soul migration _ pt.II
>>
fragments of a soul migration _ pt.III
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